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 Rezepte gegen
Grippe von Kurt Tucholsky (alias Peter Panter)
Beim
ersten Herannahen der Grippe, erkennbar an leichtem
Kribbeln in der Nase, Ziehen in den Füßen,
Hüsteln, Geldmangel und der Abneigung, morgens
ins Geschäft zu gehen, gurgele man mit etwas gestoßenem
Koks sowie einem halben Tropfen Jod. Darauf pflegt dann
die Grippe einzusetzen. Die Grippe - auch "spanische
Grippe", Influenza, Erkältung (lateinisch:
Schnuppen) genannt - wird durch nervöse Bakterien
verbreitet, die ihrerseits erkältet sind: die so
genannten Infusionstierchen. Die Grippe ist manchmal
von Fieber begleitet, das mit 128° Fahrenheit einsetzt;
an festen Börsentagen ist es etwas schwächer,
an schwachen fester - also meist fester. Man steckt
sich am vorteilhaftesten an, indem man als männlicher
Grippekranker eine Frau, als weibliche Grippekranke
einen Mann küsst - über das Geschlecht befrage
man seinen Hausarzt. Die Ansteckung kann auch erfolgen,
indem man sich in ein Hustenhaus (so genanntes "Theater")
begibt; man vermeide es aber, sich beim Husten die Hand
vor den Mund zu halten, weil dies nicht gesund für
die Bazillen ist. Die Grippe steckt nicht an, sondern
ist eine Infektionskrankheit.
Sehr
gut haben meinem Mann ja immer die kalten Packungen
getan; wir machen das so, dass wir einen heißen
Griesbrei kochen, diesen in ein Leinentuch packen, ihn
aufessen und dem Kranken dann etwas Kognak geben - innerhalb
zwei Stunden ist der Kranke hellblau, nach einer weiteren
Stunde dunkelblau. Statt Kognak kann auch Möbelspiritus
verabreicht werden. Fleisch, Gemüse, Suppe, Butter,
Brot, Obst, Kompott und Nachspeise sind während
der Grippe tunlichst zu vermeiden - Homöopathen
lecken am besten täglich je dreimal eine Fünf-Pfennig-Marke,
bei hohem Fieber eine Zehn-Pfennig-Marke.
Die Schulmedizin
versagt vor der Grippe gänzlich. Keinesfalls vertraue
man dieses geheimnisvolle Leiden einem so genannten
Arzt an; man frage vielmehr im Grippefall Frau Meyer.
Frau Meyer weiß immer etwas gegen diese Krankheit.
Bricht in einem Bekanntenkreis die Grippe aus, so genügt
es, wenn sich ein Mitglied des Kreises in Behandlung
begibt ? die anderen machen dann alles mit, was der
Arzt verordnet. An hauptsächlichen Mitteln kommen
in Betracht: Kamillentee. Fliedertee. Magnolientee.
Gummibaumtee, Kakteentee. Diese Mittel stammen noch
aus Großmutters Tagen und helfen in keiner Weise
glänzend. Unsere moderne Zeit hat andere Mittel,
der chemischen Industrie aufzuhelfen. An Grippemitteln
seien genannt: Aspirol. Pyramidin. Bysopeptan. Ohrolax.
Primadonna. Bellapholisiin. Aethyl-Phenil-Lekaryl- Parapherinan-Dynamit-Acethylen-Koollomban-Piporol.
Bei letzterem
Mittel genügt es schon, den Namen mehrere Male
schnell hintereinander auszusprechen. Man nehme alle
diese Mittel sofort, wenn sie aufkommen - solange sie
noch helfen, und zwar in alphabetischer Reihenfolge,
ch ist ein Buchstabe. Doppelkohlensaures Natron ist
auch gesund.
Besonders
bewährt haben sich nach der Behandlung die so genannten
prophylaktischen Spritzen ("lac", griechisch;
soviel wie "Milch" oder "See").
Diese Spritzen heilen am besten Grippen, die bereits
vorbei sind - diese aber immer. Amerikaner pflegen sich
bei Grippe Umschläge mit heißem Schwedenpunsch
zu machen; Italiener halten den rechten Arm längere
Zeit in gestreckter Richtung in die Höhe; Franzosen
ignorieren die Grippe so, wie sie den Winter ignorieren,
und die Wiener machen ein Feuilleton aus dem jeweiligen
Krankheitsfall. Wir Deutsche aber behandeln die Sache
methodisch: Wir legen uns erst ins Bett, bekommen dann
die Grippe und stehen nur auf, wenn wir wirklich hohes
Fieber haben: Dann müssen wir dringend in die Stadt,
um etwas zu erledigen. Ein Telefon am Bett von weiblichen
Patienten zieht den Krankheitsverlauf in die Länge.
Die glücklich
erfolgte Heilung erkennt man an Kreuzschmerzen, Husten,
Ziehen in den Füßen und einem leichten Kribbeln
in der Nase. Diese Anzeichen gehören aber nicht,
wie der Laie meint, der alten Grippe an sondern einer
neuen. Die Dauer einer gewöhnlichen Hausgrippe
ist bei ärztlicher Behandlung drei Wochen, ohne
ärztliche Behandlung 21 Tage. Bei Männern
tritt noch die so genannte "Wehleidigkeit"
hinzu; mit diesem Aufwand an Getue kriegen Frauen Kinder.
Das Hausmittel
Cäsars gegen die Grippe war Lorbeerkranz-Suppe;
das Palastmittel Vanderbilts ist Platinbouillon mit
weichgekochten Perlen. Und so fasse ich denn meine Ausführungen
in die Worte des bekannten Grippologen Professor Dr.
Dr. Dr. Ovaritius zusammen: Die Grippe ist keine Krankheit
- sie ist ein Zustand!
Kurt
Tucholsky (*1890) starb am 23.12.1935. Somit ist nach
70 Jahren das Copyright dieses großartigen Künstlers
erloschen und die Texte gehen sozusagen in das Gemeineigentum
über und dürfen von jedem frei nachgedruckt
werden.
Diese
Satire wurde unter seinem Pseudonym "Peter Panter"
in der "Vossischen Zeitung" vom 3.2.1931 veröffentlicht.
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